wie manipulativ ist das internet ? ↑ Foto von SnaPsi Сталкер inspiriert von "Sie Leben"


pre-prolog

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich weder ein Feind des Internets noch des Fernsehens bin und dass ich (fast) jede Form von Pop-Kultur liebe. Wie viele andere, habe ich gerne viel Lebenszeit "online" verbracht - beruflich wie privat... dennoch denke ich, dass man sich (immer wieder) ein paar kritische Fragen stellen sollte, denn so viel ist klar: "Wo viel Licht ist, ist auch immer viel Schatten."

Im Folgenden soll es aber nicht darum gehen, wie man sein individuelles "digitales Wohlbefinden" optimiert oder wie schön die reale Offline-Welt ist.

Es geht um Ideologie. Es geht darum, wie das Medium Internet, unsere Weltanschauung verändert (hat).

Neil Postman - Ein Forscher im Mediendschungel (NDR 1993)
↑ auch schön: strobe.cool

Themen wie Fake-News, Hate-Speech, die allgegenwärtigen Fotos von Katzen und der Aufstieg von Populisten in Politik und Gesellschaft, sind nur Symptome, nicht aber die Ursache. Es gilt daher, die Ursache zu verstehen.


prolog

Vor über drei Jahrzehnten, im Jahr 1985, wurde Neil Postman mit dem sehr empfehlenswerten Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" bekannt. Der Medienforscher beschrieb darin die Auswirkungen des "Show Business" auf Bildung, Kultur, Politik sowie die Interaktion und das Zusammenleben von Menschen.

In den darauffolgenden Jahren entwickelte er eine weitergehende Medientheorie, die insbesondere die menschliche Überforderung durch eine steigende Informationsflut in den Mittelpunkt stellte. Diese gesellschaftliche Herausforderung bezeichnete er als 1993 in der NDR Dokumentation "Neil Postman - Ein Forscher im Mediendschungel" als "kulturelles AIDS". ↓

Neil Postman - Ein Forscher im Mediendschungel (NDR 1993)

Im Umgang mit Informationen haben wir eine Art Immunsystem. Gesellschaftliche Institutionen, wie Schulen oder politische Parteien, wirken wie ein Filter, der uns zeigt, welche Informationen tatsächlich eine Relevanz für uns haben, und welche nicht.

Unter "Kulturellem AIDS" versteht Postman den Niedergang dieser Filter, die eigentlich umso wichtiger werden, je stärker die Menge an Informationen steigt, die es zu verarbeiten gilt.

Durch den Verlust der Funktionalität dieser gesellschaftlichen Institutionen, sinkt die Urteilsfähigkeit der Menschen und es entsteht ein System in dem niemand (durch körperliche Gewalt) unterdrückt werden muss, um kontrollierbar zu sein. Es entsteht eine Form der Diktatur ohne Gewalt.

Gerade heute lohnt es, über diesen Punkt noch einmal intensiv nachzudenken: Überall in den Medien ist heute die Rede von Überwachung, sei es in Form vom "Überwachungsstaat" oder auch vom Ausspionieren des Individuums durch globale (Technologie-) Konzerne. Orwells Buch "1984" ist seit Jahren wieder in den obersten Rängen der Bestseller-Listen angekommen - und das an sich ist sehr begrüßenswert. Doch weißt Postman schon in der Einleitung von "Wir amüsieren uns zu Tode" im Jahr 1985 auf einen wichtigen Punkt hin:

"... Aber wir hatten vergessen, dass es neben Orwells düsterer Vision eine zweite gegeben hatte - ein wenig älter, nicht ganz so bekannt, ebenso beklemmend: Aldous Huxleys "Schöne neue Welt". Entgegen einer weitverbreiteten Ansicht haben Orwell und Huxley keineswegs dasselbe prophezeit. Orwell warnte vor der Unterdrückung durch eine äußere Macht. In Huxleys Vision dagegen bedarf es keines Großen Bruders, um Menschen ihre Autonomie, ihre Einsichten und ihre Geschichten zu rauben. Er rechnete mit der Möglichkeit, dass die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeiten zunichte machten.

Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte..."

Als im Jahr 1993 das Interview mit dem NDR entstand sah Postman die Macht vor allem bei den gesichtslosen Medienmachern, die sich hinter der "Architektur des Technopols" versteckten. Sie seien für die Auswahl von Informationen verantwortlich, die uns in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen begegnen würden. Eine Herausforderung, so der Interviewte: Man könne nicht einfach in eine Fernsehanstalt oder eine Werbeagentur gehen, um mit jemanden über die Auswirkungen ihrer Arbeit auf die kulturelle Zukunft zu sprechen.

Heute, im Jahr 2019, gibt es weitere Dimensionen:

  • Die Menge an verfügbaren Informationen ist zuerst durch das Internet (an sich) massive gewachsen, und dann...
  • ...durch die Verbreitung von Social Media explodiert.
  • Die Abstraktionsebene, welche Informationen uns gezeigt werden, ist noch weiter angestiegen. Heute entscheiden darüber in erster Instanz nur noch technische Systeme (Algorithmen). In einigen Fällen werden dabei ggf. noch die Parameter der Korridore von Menschen angepasst, aber auch dass geschieht immer seltener, denn...
  • ...aus Sicht der Informationsanbieter spielt Inhalt keine Rolle mehr. Alles was zählt, sind die Aufmerksamkeit bzw. die Verweildauer der Betrachter (aka Nutzer ara Besucher aka Konsumenten) und die Interaktion der Betrachter mit der mehr oder weniger offensichtlich gekennzeichneten Werbung.

Zusammenfassend gesagt: In einem vollkommen kapitalistisch orientierten Ökosystem wie dem Internet, ist ein Algorithmus nicht am Inhalt einer Information interessiert. Für ihn ist maximal interessant, welche Kombination aus Betrachter und Information den größten Profit verspricht. Da dieser Punkt essenziell ist, ist er hier noch einmal detailliert erklärt an einem Beispiel:

Leon, Mr Robot

↑ In einer der letzten Folgen der mehrfach zu recht ausgezeichneten Serie "Mr Robot" erklärt eine der Nebenrollen, der Auftragskiller Leon, in einem Monolog der FBI-Agentin Dominique DiPierro beiläufig sein Weltbild:

    "...Ich meine es ist, wie ich immer sage: Du musst offen sein für jede Möglichkeit, die Deines Weges kommt.

    Du hast diesen Film "Die drei Tage des Condor" gesehen, oder?

    Mann, Du hast den Film "Die drei Tage des Condor" nicht gesehen? Du bist eine verdammte FBI-Agentin!? Den musst Du Dir ansehen!

    Normalerweise stehe ich ja nicht auf diesen 70er-Jahre Paranoia-Scheiß, aber der Kram hat mich echt angesprochen.

    Es war vielleicht als mein Junge, Lou Bear, sagte:

    "Ich interessiere mich nicht für das Warum. Ich denke an das Wann. und manchmal an das Wo... Woran ich aber immer denke ist das Wieviel."

    Das habe ich verdammt noch mal gefühlt!

    Im letzten Quartal habe ich meinen Gewinn fast verdreifacht. Jedenfalls sagt das dieses Mädchen, dass meine Buchführung macht - und die ist Japanerin, die kennt sich mit dem Kram aus..."

Desgleichen Geistes Kind sind heute auch sehr viele Programmierer. Deshalb arbeiten auch die meisten Algorithmen so, wie sie arbeiten: ausschließlich gewinnorientiert.

Jedem, der diesen Punkt bezweifelt, empfehle ich hier nur beispielhaft die die Bücher "Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy" von Cathy O'Neil oder "To Save Everything, Click Here: Technology, Solutionism, and the Urge to Fix Problems that Don’t Exist" von Evgeny Morozov. Die Liste von kritischen Büchern zu diesem Thema ließe sich beliebig verlängern.

Ich möchte auch nicht außer Acht lassen, dass es natürlich auch einige Bestrebungen gibt, sogenannte "ethische" Algorithmen zu schaffen. Beispielhaft seien hier nur die "Ethics guidelines for trustworthy AI" genannt, die im Auftrag der Europäischen Kommission entwickelt und im April 2019 erstmal veröffentlicht wurden. Darin finden sich zahlreiche "Leitlinien" und "Grundsätze", um eine vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz zu erschaffen. Leitlinien und Grundsätze haben allerdings eher Freiwilligkeits-Charakter: Man kann sich daran halten, muss man aber nicht.

↓ aus: "Ethics guidelines for trustworthy AI"

Ethics guidelines for trustworthy AI

Dieses Punktes sind sich auch die Autoren der Leitlinien vollkommen bewusst. Ich habe einen der Verfasser bei einer KI-Konferenz im Frühjahr 2019 in Berlin, kennenlernen dürfen. Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger, bekannt durch den Wissenschaftsbestseller "Der Ego Tunnel", hat keinen Zweifel, dass alle diese Anstrengungen bestenfalls Anregungen darstellen.

Erschwerend hinzukommt, dass wir uns im Internet (noch) global bewegen, was bedeutet, dass indische, russische, arabische und vor allem chinesische und us-amerikanische Unternehmen sich vermutlich eher weniger an europäische Richtlinien halten werden. Sie tun sich ja vielfach schon mit europäischen oder internationalen Gesetzen schwer.

Aber auch das ist ein anders Thema. Im Kern bleibt die Feststellung, dass es eher unwahrscheinlich erscheint, dass die Politik oder sonst irgendeine höhere Macht, versuchen wird diese Form der Diktatur ohne Gewalt abzuschaffen. Warum sollte sie auch, wo sie doch die eigene Machtposition zementiert.

Ebenso aussichtslos ist es, sich Neo-Maschinenstürmern anzuschließen. Die Geschichte ist hier relativ eindeutig: Auch Dystopien, wie Marc Uwe Klings "Qualityland", bescheinigen Maschinenstürmern nur äußerst geringe Erfolgsaussichten. Und wie ich bereits oben angemerkte, bringt das Internet nicht nur Schlechtes in die Welt.


Was bleibt?

"Kein Medium ist übermäßig gefährlich, sofern seine Benutzer wissen, wo die Gefahren lauern. Es kommt nicht darauf an, dass diejenigen, die solche Fragen stellen, zu den gleichen Antworten gelangen, wie ich (...) Es genügt schon, solche Fragen überhaupt zu stellen. Wer fragt, bricht den Bann.", schrieb Neil Postman über das Medium Fernsehen, und stellte gleich einige Fragen.

Diese Fragen lassen sich leicht für das Internet adaptieren, denn sie sind grundsätzlich zeitlos und unabhängig von einem bestimmten Medium.

Eine Reihe dieser Fragen dienten als Grundlage für den folgenden Fragebogen.


#01

Was ist eine Information? In welchen Formen tritt sie auf bzw. wie werden Informationen übertragen, geteilt oder verbreitet?


#02

Welche Auffassungen von Intelligenz, Weisheit und Bildung propagieren die verschiedenen Formen von Information? Welche Auffassungen vernachlässigen sie? Welche machen sie lächerlich? Anders gefragt, was beeinflusst, in der jeweiligen Form, ob wir eine Information für richtig oder falsch halten?


#03

Welches sind die psychischen Auswirkungen dieser verschiedenen Formen? Anders: Wie unterscheideen sich die psychischen Auswirkungen einer bestimmten Information, wenn man diese Information in verschiedenen Formen überträgt?


#04

Gibt es bestimmte moralische Tendenzen, die den verschiedenen Informationsformen innewohnen? Wenn ja, welche? Wir verhalten sich Information und Vernunft zueinander?


#05

Welche Art von Information ist dem Denken am förderlichsten? Oder: Welche Informationsform fördert es am ehesten, den Inhalt der jeweiligen Information zu hinterfragen?


#06

Was heißt es zu sagen, es gebe zu viele Informationen? Woher weiß man das?


#07

Welche Neubestimmungen von zentralen Bedeutungsinhalten unserer Kultur werden durch die neuen Formen, das neue Tempo, die neuen Kontexte und die neuen Vermittlungsgesetzmäßigkeiten von Informationen zwingend?


#08

Auf welche Art und Weise "überzeugen" die verschiedenen Formen von Information? Verleiht es den Begriffen "Urteilskraft" und "Verständnis" einen neuen Sinn?


#09

Verändert das Internet die Deutung der folgenden Worte:

  • Kommerz?
  • Frömmigkeit?
  • Ambivalenz?
  • Patriotismus?
  • Privatsphäre?
  • Wahrheit?

#10

Wie unterscheidet sich das Publikum des Internets von:

  • dem des Fernsehens?
  • dem des Radios?
  • dem einer Zeitung?
  • dem eines Buches?

#11

Wie lässt sich das Publikum folgender Internetseiten charakterisieren:


#12

Auf welche Weise schreiben die verschiedenen Informationsformen/ -formate vor, welcher Art die Inhalte sind, die in ihnen zum Ausdruck gebracht werden (können)?


#13

Wer beobachtet im Internet eigentlich wen? Anders gefragt, sofern Sie das Konzept von Cookies und deren steigenden Einsatz wirklich verstanden haben, was sagt das über das Medium Internet aus?


#14

Was macht eine Information glaubwürdig? Was macht eine Informationsform glaubwürdig?


#15

Wie glaubwürdig muss eine Information sein, um als "wahr" zu gelten?


#16

Kann eine Information gleichzeitig richtig und falsch sein? (Bonusfrage: Gibt es eine universelle Wahrheit?)


#17

Wer hat in welcher Informationsform am ehesten die Deutungshoheit über das, was richtig und falsch ist?

  • Vortrag/Seminar (in der realen Welt)?
  • Webinar?
  • Fernsehen / Radio?
  • Zeitung?
  • Buch?
  • Webseite?
  • Social Media?
  • Suchmaschine?

#18

Wärst Du bereit für ideologie-/propaganda-freie Informationen Geld zu bezahlen? Falls ja, wie viel? Falls nein, warum nicht? Gibt es ideologie-/propaganda-freie Informationen? Gib ein Beispiel.


#19

Wer hat ein Interesse an ideologie-/propaganda-freien Informationen? Wer nicht?


#20

Welche Information hättest Du gerne bzw. auf welche Frage hättest Du gerne eine Antwort? Alternativ: Welche Information hättest Du gerne nie bekommen bzw. auf welche Frage hättest Du lieber nie eine Antwort erhalten? Begründe.


#21

Wie gehst Du mit einer Frage um, auf die Du (im Internet) keine Antwort bekommst?


#22

Wie stellst Du Dir das Internet der Zukunft vor, so zirka in zwanzig Jahren von heute aus gesehen?


#23

Wird es in zwanzig Jahres noch ein "freies" Internet geben? Was ist eine "freies" Internet? Was bedroht die Freiheit des Internets - in West-Europa? Was im Rest der Welt? Was passiert, wenn das Internet nicht (mehr) frei ist?


#24

Der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt soll einmal gesagt haben: "Die Menschen kommen nicht zu Google, weil sie Antworten auf Fragen haben. Sie kommen zu Google, weil sie wissen wollen, was sie als nächstes tun sollen." Was verrät diese Aussage über Aufgabe bzw. die Verantwortung, die das Unternehmen Google sich damit selbst zu schreibt? Wird Google dieser Verantwortung gerecht? Wer könnte dieser Verantwortung gerecht werden?


#25

Warum habe ich diese Fragen hier gestellt? Warum hast Du sie bis hier gelesen und/oder sogar versucht zu beantworten?


Was soll denn das?

Jeder meiner Fragebögen kreist ein Thema ein. Die Anworten bleiben dem Leser überlassen. Meist bringt eine gute Frage mehr als eine gut gemeinte Antwort. Ich entwerfe meine Fragebögen in Erinnerung, als Ergänzung und in Anlehnung an Max Frisch.



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