|
Fundgrube: Clipping
Clipping Stimmen zur Zeit Januar 2026 "Denn so, wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen, und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben." - Michael Ende |
Zeit als Vermögenswert
↑ Why Your Attention Is the Real Product?, Systema (Januar 2026, YouTube) Aufmerksamkeit, also die Lebenszeit, die Nutzer auf einer Plattform verbringen, ist schon seit längerem das zentrale Element sehr erfolgreicher Geschäftsmodelle. Die vermeintlich kostenlosen Apps auf unseren Smartphones sind ein gutes Beispiel: Kein Cent verlässt unser Konto, doch wir bezahlen mit etwas weitaus Knapperem – unserer Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit (Lebenszeit) ist keine abstrakte Ressource, sondern ein quantifizierbarer Vermögenswert im Geschäftsbericht. Digitale Dienste wie Apps erfordern erhebliche Investitionen. Serverinfrastruktur verursacht laufende Kosten, Entwicklerteams müssen finanziert werden, und Risikokapitalgeber erwarten Rendite auf ihr eingesetztes Kapital. Kostenlose Angebote existieren daher nicht aus Großzügigkeit.
↑ How to Build Habit-Forming Products, Nir Eyal (März 2017, YouTube) Nutzer erhalten Zugang ohne direkte Bezahlung, während ihre Verweildauer und Interaktionen monetarisiert werden. Werbeplätze, Datenanalysen und verhaltensbasierte Profile bilden die eigentliche Einnahmequelle. Je länger die Nutzung, desto höher der Ertrag. Dieses Modell erklärt, warum Plattformen auf maximale Bindung ("Time Spent", "Hours Engaged", etc) optimiert sind. All das erinnert an die graue Herren in Michael Endes Kinderbuch-Klassiker "Momo".
Wie die graue Herren in "Momo", die gesparte Zeit in Zigarren verwandeln, ernten Tech-Plattformen systematisch Lebenszeit. Was bei Ende noch Metapher war, wird in Earnings Calls zur Kennzahl: "Time Spent" steigt, Aktienkurse folgen. Die Nutzer zahlen in Minuten, die Investoren kassieren in Dollar. Die Zeitdiebe tragen heute Hoodies. |
Zeit als Infrastruktur
↑ Kyla Scanlon, How The Attention Economy is Devouring Gen Z, The Ezra Klein Show (Juli 2025, YouTube) In Kyla Scanlons Gespräch mit Ezra Klein wird Aufmerksamkeit als vierter Produktionsfaktor etabliert – gleichrangig mit Land, Arbeit und Kapital. Aufmerksamkeit ist Infrastruktur: Sie bildet das Fundament, auf dem Narrative, Investitionen und politische Realitäten erst entstehen. Wo früher Ereignisse die Geschichte prägten, formen heute Geschichten die Ereignisse. In dieser digitalen Ökonomie ist Aufmerksamkeit ein grundlegender Input Dericbownds – vergleichbar mit Straßen oder Stromnetzen, die erst wirtschaftliches Handeln ermöglichen. Ohne diese infrastrukturelle Basis kann kein Wert mehr geschöpft werden: Kein Produkt existiert ohne Sichtbarkeit, kein Argument ohne Publikum, keine Politik ohne mediale Resonanz. Die Aufmerksamkeitsinfrastruktur bestimmt, welche Ideen Kapital anziehen und welche im Rauschen verschwinden. Aufmerksamkeit ist Macht: Donald Trump, Elon Musk und Zohran Mamdani demonstrieren, dass die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu bündeln, direkt politische Macht konstituiert. Die Ökonomie der Viralität verwandelt Aufmerksamkeit unmittelbar in Kapital – ein spekulatives System, das Gen Z in einer Welt ohne vorhersehbaren Fortschritt zurücklässt. Nicht mehr Kapital treibt Aufmerksamkeit, sondern Aufmerksamkeit treibt Kapital. |
Monopolist der Aufmerksamkeitsökonomie
↑ Huxi Bach: Dear America, We’d Like to Speak to the Manager (Januar 2026, New York Times / YouTube) Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut in einer informationsüberfluteten Welt. Wer die Aufmerksamkeit kontrolliert, kontrolliert die öffentliche Agenda. "Die Ignoranz des Publikums ist ein so kostbares Gut, dass es selbst exorbitante Investitionen rechtfertigt." - Bruno Latour Donald Trump dominiert diesen Markt durch permanente Provokation, Normbrüche und emotionale Polarisierung. Medien können ihn nicht ignorieren – jede Empörung generiert Klicks. Selbst negative Berichterstattung stärkt seine Omnipräsenz. Konkurrenten werden unsichtbar, weil der verfügbare Aufmerksamkeitsraum bereits besetzt ist.
Durch seine Monopolstellung bestimmt Trump, worüber gesprochen wird. Der Rest der Welt reagiert nur – und verliert damit automatisch. Doch die Welt kann und sollte sich ändern.
Mark Carney hat in seiner (temporär) vielbeachteten Davos-Rede das ausgesprochen, was viele dachten, aber niemand zu sagen wagte: Die alte Weltordnung ist zerbrochen, und Großmächte nutzen Zölle und wirtschaftliche Integration längst als Waffen. Mark Carney ist derjenige, der allen gesagt hat, dass der Kaiser keine Kleider trägt... Wie das Kind in Hans Christian Andersens Märchen, das als einziges ruft, der Kaiser sei nackt, benannte Carney die unbequeme Wahrheit – ohne Trump beim Namen zu nennen, aber für alle erkennbar. Während andere Mittelmächte noch so tun, als funktioniere die regelbasierte Ordnung, forderte der kanadische Premier ein Ende dieser Illusion. Problematisch: Trumps mediale Monopolstellung ließ die Forderung schnell im Grundrauschen anderer Themen untergehen. ... alle hörten es, doch dann spach der Kaiser etwas Wirres und alles andere war vergessen. Genau diese Ablenkungsmacht innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie meinte Bruno Latour als er schrieb: "Die Ignoranz des Publikums ist ein so kostbares Gut, dass es selbst exorbitante Investitionen rechtfertigt." |
Herausforderung: Fokus halten
↑ Vanessa Wingårdh: 40% of Kids Can’t Read and Teachers Are Quitting (Januar 2026, YouTube) Die Aufmerksamkeitsökonomie hat einen grundlegenden Konflikt geschaffen: Während wir Konzentration für produktive Arbeit brauchen, verdienen Plattformen ihr Geld damit, diese systematisch zu unterbrechen. Jede Notification, jeder algorithmisch optimierte Feed ist darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit abzuziehen und zu monetarisieren. Das Gehirn gewöhnt sich an konstante Stimulation. Die schnellen Dopamin-Belohnungen durch Likes und neue Inhalte machen tiefe, langwierige Arbeit vergleichsweise unattraktiv. Wir trainieren uns selbst auf Ablenkung. Für Kinder bedeutet dies eine erschwerte Entwicklung grundlegender Konzentrationsfähigkeiten. Lehrer stehen vor der Aufgabe, gegen permanent konditionierte Aufmerksamkeitsdefizite anzuarbeiten. Der Unterricht konkurriert mit Reizmustern, die das kindliche Gehirn bereits als Normalzustand verinnerlicht hat. Eine pädagogische Herausforderung ohne historisches Vorbild. Die besten Ingenieure der Welt optimieren Systeme, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Der Einzelne kämpft gegen milliardenschwere Infrastrukturen. Das Ungleichgewicht erklärt, warum selbst disziplinierte Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, den Fokus zu halten. |
Zeit zurückgewinnen
↑ How to Do Nothing: Resisting The Attention Economy, Jenny Odell, Talks at Google (August 20219, YouTube) Jenny Odell plädiert für eine radikale Neuausrichtung der Aufmerksamkeit. Ihre Kernbotschaft: Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource und politische Größe – wer sie kontrolliert, kontrolliert unser Denken. Statt dem endlosen Scrollen zu verfallen, empfiehlt sie die bewusste Hinwendung zur unmittelbaren Umgebung – etwa durch Vogelbeobachtung oder das Studium lokaler Ökosysteme. Dieser „Bioregionalismus" verankert uns im Hier und Jetzt. Odell betont, dass Nichtstun kein Rückzug ist, sondern aktiver Widerstand: Wer seine Aufmerksamkeit der Verwertungslogik entzieht, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück. Zentral ist die Unterscheidung zwischen reaktiver und intentionaler Wahrnehmung. Das gilt für Individuen, aber umso mehr für Gesellschaften. |
| © 2001-2026 | Über Dirk | Datenschutz | Impressum |